Kindheit vor 100 Jahren PDF Drucken E-Mail
Montag, den 17. Oktober 2011 um 20:43 Uhr

Sichtweisen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts


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Fröhliche Jugendzeit: vier Kinder mit Spielsache und Spruch - 1918Wie sind wir Kinder leicht beglückt,
In unsres Glückes Hafen,
Ein Spiel, ein Kinderbuch genügt,
Uns eine Welt zu schaffen!


(a) im Garten vor einem Fenster spielende Kinder - 'Kinderzeit-Frohe Zeit' - um 1920(b) im Garten vor einem Fenster spielende Kinder - 'Kinderzeit-Frohe Zeit' - um 1920

KINDHEIT

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen.
Und dann hinaus: die Straße sprühn und klingen,
und auf den Plätzen die Fontänen springen,
und in den Gärten wird die Welt so weit.
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid:
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
o Einsamkeit.

Und in das alles fern hinauszuschauen:
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
und Kinder, welche anders sind und bunt.
Und da ein Haus und dann und wann ein Hund
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen:
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
o Tiefe ohne Grund.

Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
in einem Garten, welcher sanft verblaßt,
und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
blind und verwildert in des Haschens Hast.
Aber am Abend still, mit kleinen steifen
Schritten nach Hause zu gehn, fest angefaßt:
O immer mehr entweichendes Begreifen,
o Angst, o Last.

Und stundenlang am großen grauen Teiche
mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
es zu vergessen, weil noch andre gleiche
und schönere Segel durch die Ringe ziehn,
und denken müssen an das kleine bleiche
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien:
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche.
Wohin? Wohin?

[ Rainer Maria Rilke 1875-1920 ]

Gebt den Kindern Sonne! - 1911, Zeichnung

 

 

 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 19. Oktober 2011 um 19:21 Uhr
 

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